„Herzlich Willkommen auch von meiner Seite und vielen Dank für die einführenden Worte und die Einladung. Sie ermöglicht mir, heute zum ersten Mal diesen Ort zu besuchen, und darüber freue ich mich sehr. Einige von Ihnen sind mit diesem Ort also schon vertrauter als ich, dafür hatte ich das Vergnügen …“
„Herzlich Willkommen auch von meiner Seite und vielen Dank für die einführenden Worte und die Einladung. Sie ermöglicht mir, heute zum ersten Mal diesen Ort zu besuchen, und darüber freue ich mich sehr. Einige von Ihnen sind mit diesem Ort also schon vertrauter als ich, dafür hatte ich das Vergnügen Joanna Schulte und ihre Arbeit im Vorfeld kennenzulernen. Der Wald ruft – und doch ist man in der Stille der Natur nicht vor der Zivilisation gefeit, so ähnlich lautete der Ankündigungstext zur Ausstellung. Tatsächlich ist für mich nicht der Wald an sich, sondern sind die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Wald und Zivilisation, die Übergänge von urbanen Räumen zur Peripherie und dann in die Natur das zentrale Thema in Schultes Ausstellung. Um es in einigen Gegensätzen zu skizzieren: Der Wald als Rückzugsort für Wanderer trifft auf die harte Realität verlassener Häuser, Waldatmosphäre auf grauen Teppichboden, Wanderlustige auf Nobodies, von organischen Formen inspirierte Keramik-Objekte auf Graffitispuren. Kunst und Natur wird als relationales Feld dargestellt – miteinander verwoben und ineinander verzahnt. Das Ergebnis ist eine dichte Erzählung und bedeutet, dass man in dieser Ausstellung vielen Fährten folgen kann, dabei muss man aufpassen, sich nicht zu verlaufen, denn das Oeuvre von Joanna Schulte ist beeindruckend vielseitig und zweigt sich in unterschiedliche Richtungen ab. Ich möchte Ihnen mit dieser Rede ein paar Wanderwege durch und Zugänge zu ihrer Arbeit ermöglichen. Dafür möchte ich Joanna Schulte kurz vorstellen: Sie wurde in Osnabrück geboren und hat dort Kunst und Geschichte studiert. Sie hat ihr Kunststudium an der Hochschule Hannover fortgesetzt und ist Meisterschülerin gewesen. In den letzten Jahrzehnten hat sie an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen, darunter in der Städtischen Galerie Kubus in Hannover, im Kunsthaus Dortmund, in der Kunsthalle Osnabrück und in den Kunstvereinen Nürtingen und Wolfenbüttel, um nur einige der vielen Stationen zu nennen. In zwei Wochen wird eine Ausstellung in der Kunsthalle Wilhelmshaven mit dem Titel All good things are wild and free…Wandern, pilgern, Spuren finden mit Schultes Beitrag eröffnet. Stipendien haben sie nach Schöppingen und St. Georgen, Wiepersdorf und Worpswede, Röderhof und Prösitz geführt, oft an Orte, die sich etwas abseitig, in der Nähe der Natur befinden. Zuletzt war sie in Rostock, wovon einige Briefe zeugen, die hier in die Ausstellung zu sehen sind. Lernt man sie und ihre Arbeit etwas besser kennen, merkt man schnell, was die Künstlerin noch auszeichnet: Energie und Ausdauer, Begeisterungsfähigkeit und (abgründiger) Humor – Eigenschaften, die für mich die Grundlage für ihr vielschichtiges Oeuvre bilden. Schulte setzt Film, Sound und Stricklieseln ein, sie kreiert raumfüllende Installationen und hat eine ganz eigene Form von Mail-Art entwickelt. Immer wieder experimentiert sie mit neuen Materialien und Ausdrucksformen – sie collagiert, schafft lasierte Keramiken und verleibt sich diverse Fundstücke in ihren Kunstkosmos ein. Dabei gibt es Serien, wie die Selbstporträtereihe Rot und Wald, die sie kontinuierlich seit 2015 verfolgt, und Arbeiten, die sie an den Orten entwickelt, an denen sie eingeladen wird. Auf diese Weise ist ihre Arbeit nicht statisch, denn immer wieder werden neue Aspekte und Dinge in ihren Kosmos integriert, macht sie sich auf, etwas Neues auszuprobieren oder zu transformieren. In unserem Vorgespräch in ihrem Atelier in Hannover haben wir länger darüber diskutiert, was ich darüber hinaus über sie erzählen darf. Darf ich erwähnen, dass sie Mutter ist? Nicht weil das Thema in ihrer Arbeit auftaucht, sondern weil Joanna Schulte einer Generation von Künstlerinnen an gehört, die mit der Doktrin ausgebildet wurde: Kind oder Kunst. Sie hat das „Unmögliche“ gewagt und geschafft, beides unter einen Hut zu bringen. Das finde ich mutig und zeugt von ihrem unbedingten Wunsch Kunst zu machen. Für mich ist sie damit ein Rolemodel. Ein Rolemodel ist sie für mich auch in Bezug auf Nachhaltigkeit. Schulte hat das Recyceln und Weiterverwenden von vorhandenem Material zu ihrer Arbeitsmethode erklärt. Sie verarbeitet in ihren Kunstwerken alte Tapeten und gebrauchte Teppiche oder bezieht Fundstücke wie eine rustikale Holzbank und ein Wanderschild mit ein. Mit solchen Object Trouvés oder Ready Mades zu arbeiten ist immer ein Risiko: Wie originell ist das? Was macht diese Alltagsobjekte zu Kunst? Aber auch: Wie werden sie in Wert gesetzt? Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zu der Frage, wie Kunst generell in Wert gesetzt wird? Alleine diese Fragen zu provozieren, finde ich produktiv. Schulte hinterfragt damit nicht nur die kapitalistische Logik, sie interessiert sich auch für andere widerständige Praxen wie die räumlichen Aneignungsstrategien von Graffiti-Sprühern. In dieser Ausstellung tauchen diese Graffiti-Reminiszenzen gleich mehrfach auf: So verwendet sie in ihren Collagen Tapeten mit Graffitispuren, die sie in Abbruchhäusern in Prösitz in Sachsen gefunden hat. Und auf der Bodeninstallation, die sie aus einem Teppich ausgeschnitten hat, befinden sich ebenfalls Graffitispuren. Der Titel Come Rain or Shine heißt übersetzet so viel wie „Was auch geschehen mag“ – ein Ausdruck für eine gewissen Gelassenheit oder Beiläufigkeit. Ein Motto, das der Künstlerin gut behagt: Nichts ins Zentrum setzen, sondern die Inszenierung aufsplittern. Keine steile These aufstellen, sondern mehrere Erzählspuren zueinanderstellen. Die Dinge geschehen lassen, statt sie zu forcieren. Dem Zufall vertrauen. Den Blick auf das Nebensächliche und Alltägliche richten, das in einen anderen Kontext versetzt, Erstaunen auslösen kann. Der Teppich ist übrigens auch ein Recycling-Objekt: er stammt aus einem ehemaligen Kaufhof-Gebäude in Hannover, in dem eine Banky-Ausstellung gezeigt wurde. Den Teppich, der dafür verlegt wurde, konnte Schulte anschließend mitnehmen und weiterverwenden. Ob die Spuren noch aus der Banksy-Ausstellung oder von der Künstlerin stammen, bleibt offen. Dass es in ihren Ausstellungen mitunter etwas trashig aussieht, nimmt Schulte in Kauf. Sie mag das Schöne und Reduzierte (wovon die beiden Arbeiten „Nicht Nichts“ zeugen) – aber ebenso sehr das Abgründige und das aus der Zeit gefallene. Das ist ein gutes Stichwort, um auf die Ersttagsbriefe zu sprechen zu kommen, von denen Schulte bereits über 1500 Stück verschickt hat. Ersttagsbriefe? Falls Sie diesen Begriff zum ersten Mal hören, erkläre ich Ihnen kurz, um was es sich dabei handelt und wie Schulte auf sie aufmerksam geworden ist. Als sie 2012 ein Stipendium auf dem Künstlergut Prösitz in Sachsen hatte, hat sie in einem Abrisshaus einen Ordner mit Ersttagsbriefen aus der DDR gefunden. Der Name leitet sich von der Tatsache ab, dass die darauf verwendeten Briefmarken erstmalig verwendet und abgestempelt wurden. Sie können sich vorstellen, dass die Briefmarken wahre Raritäten sind, trotzdem kann man sie sehr günstig erstehen, was Schulte seitdem macht, um die Briefe an einen ominösen „Oliver“ zu adressieren und zu verschicken. Da jedoch die Adresse fehlt, werden die Briefe an den Absender zurückgeschickt, was Schulte nutzt, um Briefe u.a. an den Westwendischen Kunstverein zu schicken. Das tut sie übrigens nicht alleine: um die Briefmarkensammlung zu internationalisieren gibt sie Freund*innen, die ins Ausland verreisen, Briefe mit, so dass sich in ihrer Sammlung auch Briefe aus China, Italien und diversen anderen Ländern finden. Sie sind in der Ausstellung in einem Sammelalbum versammelt, den Sie sich auf der Holzbank sitzend, anschauen können. Sie bemerken – hier ist eine Kreislaufwirtschaft am Start: Briefe werden um die Welt geschickt und kommen zurück an die Absender; Objekte und Raumelemente wandern von Ausstellung zu Ausstellung und werden Teil eines immer wieder neu zu inszenierenden Schulte-Kosmos. Der Wald und das Wandern kommen darin ebenso wiederholt vor wie der Einbruch der Zivilisation in die „unbehelligte“ Natur und die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen beiden, die klar machen, dass es das eine nicht ohne das andere gibt. Schulte findet dafür so skurrile wie denkwürdige Bilder: Vogelstimmen, die sich das Piepen von Elektrorollern aneignen; Stricklieselwürmchen, die sich durch das Laub schlängeln; lebensgroße 3D-Nachbildungen von Tieren (in diesem Fall eine Meise), die von Bogenschützer*innen als Übungsattrappen eingesetzt werden und mit einer Killzone ausgestattet sind. Eindringlich auch das Selbstporträt Schultes in einer abgeholzten Landschaft in der Serie Rot und Wald. Die hier erwähnten Spuren und Werke setzt Schulte in einer multimedialen Gesamtinszenierung zusammen. Sie bespielt dafür den ganzen Raum, bezieht den Boden ebenso mit ein wie den Außenraum. Indem sie verschiedene Sinne anspricht, schafft sie eine atmosphärische Grundstimmung. Auf diese Weise bildet sie den Wald nicht nur ab, sondern holt ihn in den Ausstellungsraum, man kann ihn hören und riechen. Tatsächlich hoffe ich, dass es Ihnen gelingt den Wald vor lauter Bäumen nicht aus den Augen zu verlieren. Was ihre Arbeiten zudem auszeichnet, ist die Augenhöhe, mit denen sie den Besucher*innen begegnet. Die Betrachter*innen nehmen keine passive Rolle ein, sondern können sich die Ausstellung erlaufen (erwandern!) und erarbeiten, indem sie sich zum Beispiel getreu der Wandertradition einen Stempel im Stempelhäuschen abholen. Wozu ich sie ermutigen möchte beim Anschauen der Ausstellung: Schauen Sie sich die Briefmarken und Stempel ganz genau an. Und achten sie auf die Titel. Schulte trägt nicht nur Kuriositäten zusammen (wer hat schon mal etwas von Mobyletten oder Paximaten gehört, die leider in dieser Ausstellung nicht zu sehen sind, aber trotzdem kurz erwähnt werden müssen, weil es so tolle Wörter sind), sie hat auch einen ganz eigenen experimentellen und spielerischen Umgang mit Sprache, davon zeugen ihre Wortspiele in ihren Collagen und ihre Deutsch-Englischen Titel-Kombinationen. So klingt „Gift of the Gap“ – frei übersetzt mit „Das Geschenk der Lücke“, für deutsche Ohren gleichzeitig etwas vergiftet. Das Sprichwort „Gift oft he Gab“ (mit b am Ende) ist wiederum ein Ausdruck für „Redseligkeit“. Und das ist ein gutes Stichwort um langsam zum Ende zu Kommen. Bevor Sie sich gleich selber ein Bild machen, möchte ich sie noch auf die druckfrische Publikation „Eben nur fast – come rain or shine“ hinweisen, in der viele Werke, die in der KunstKammer zu sehen sind, abgebildet und mit Texten erläutert werden. Sie ist hier erhältlich und kann ebenso erworben werden wie die Edition der Ersttagsbriefe, die für die Ausstellung entstanden ist. Nun wünsche ich Ihnen viel Entdeckerfreude beim Erkunden der vier Ausstellungen. Dieser Ort ist ein schönes Beispiel dafür, wie die abgelegensten Orte, dort wo der Hund begraben liegt, kreative Energien freisetzen, den Kollektiv-Gedanken fördern und die Selbstorganisation anregen können. Viel Spaß beim Schauen!“
mehr lesenGift of the gap, Westwendischer Kunstverein Gartow, Anna-Lena Wenzel, 2025
„„Was tun, wenn einem die Welt in Stücke geht? Ich gehe spazieren, und wenn ich sehr viel Glück habe, finde ich Pilze.“ Anna Lowenhaupt Tsing, Beginn des Prologs zu „Der Pilz am Rande der Welt“ (2018) Nichts ist, wie es scheint. Es duftet nach Wald und ein wenig nach Farbe. (Der Graffiti-Sprühne…“
„„Was tun, wenn einem die Welt in Stücke geht? Ich gehe spazieren, und wenn ich sehr viel Glück habe, finde ich Pilze.“ Anna Lowenhaupt Tsing, Beginn des Prologs zu „Der Pilz am Rande der Welt“ (2018) Nichts ist, wie es scheint. Es duftet nach Wald und ein wenig nach Farbe. (Der Graffiti-Sprühnebel müsste sich doch längst verzogen haben oder dünstet der Teppichboden aus?) Welkes Laub und kleine Zapfen liegen verstreut auf dem Boden. Ein Film zeigt eine Wand aus Nebel. Die Wanderung über den Steg aus hölzernen Bohlen führt im Dreiviertelrund vorbei an Stempelhäuschen mit einer schützenden Heiligen. Einen Likör gibt es auch. Historisch anmutende Wanderkultur, daneben Graffitis, die eher eine urbane Atmosphäre spiegeln, sich aber auch in sogenannten Lost Places finden wie in verlassenen Hotels im tiefsten Harz, der bekanntlich an vielen Orten einer postapokalyptischen Landschaft gleicht. In der Installation „We′ve got to get in to get out und Außen ist das Gegenteil von Innen“ bedecken sie auf Teppichresten große Teile des Bodens, und sie zieren eine hölzerne Tafel, auf denen üblicherweise an Parkplätzen über Wanderwege informiert wird. Weitere Fundstücke aus dem Wald sind ein Verkehrsschild mit stilisierten Wandersleuten oder die angeschossene Attrappe eines Rotwilds. Daneben Dinge, die eindeutig nicht aus dem Wald stammen: künstliche Zweige, kleine, glitzernde Stricklieselwürmchen, die über die Teppiche krabbeln, halb verborgen Monitore, darauf Filme, die geheimnisvoll wabernde, nebelige Flüssigkeiten zeigen. Dazu zwei Bänke, die einen Ort zum Verweilen bieten, zum Beobachten und zum Zuhören. Es piepst und zilpt von Zeit zu Zeit, auch hier schließt sich ein Kreis, der keiner ist: Inspiriert ist diese Klangarbeit von Singvögeln, die mit ihren Stimmen die Töne von Elektrorollern nachahmen. Joanna Schulte verlagert nicht einfach das Spazierengehen in den Innenraum. Sie holt das Außen nach innen und lässt es sich durchdringen: „We‘ve got to get in to get out“. Im Gehen betrachten wir das, was wir in unserem dualistischen Weltbild als Natur bezeichnen und was schon längst von industriell gefertigten Tönen, Architekturen und Wirtschaftsweisen überformt ist. Diese Installation ist ein Ort der Reflexion, an dem das Betrachten des Außen und des Innen sich vermischen. Und auch die Dinge vermischen sich: Natur und Menschengemachtes. Über „Kontamination“ und „Kollaboration“ schreibt die Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing in ihrem Buch „Der Pilz am Rande der Welt“ (2018) in Bezug auf unser Zeitalter des Anthropozäns. Darin setzt sie sich kritisch mit dem Kapitalismus und seinen ökologischen Folgen auseinander, indem sie auf ihren Matsutake-Wanderungen das sozialökonomische Geflecht, das um das Sammeln und Handeln dieses Pilzes entstanden ist, erforscht. Der Matsutake wird in Japan als Delikatesse gehandelt, er war das erste Lebewesen, das sich in den Ruinen von Hiroshima regte. Die von Tsing mitinitiierte Online-Plattform www.feralatlas.org sammelt Forschungen zu „wilden“ Ökologien, die entstehen, wenn sich nicht-menschliche Wesen mit menschlichen Infrastrukturen verwickeln. Ökologien, die sich außerhalb der menschlichen Kontrolle ausbreiten wie große Vorkommen von wertvollen Matsutake-Pilzen auf ausgelaugten Böden, invasive Arten im Outback, Vögel, die neue Töne lernen oder Wildkräuter, die in Ruinen wachsen: Diese Phänomene werden von den Forschenden nicht bewertet als etwas, das man unbedingt eindämmen müsste, sondern zusammengetragen und beobachtet, um daraus zu lernen. Dies ist eine tatsächlich andere Haltung zur Natur, die wir ja bislang in unserer dualistischen Weltsicht meist als gestaltbares Gegenüber auffassen. Diese beobachtende und im besten Fall lernende Haltung zur Natur trifft einen Kernpunkt der Arbeit von Joanna Schulte. Es vermischen sich urbane Bilder, Produkte und Verhaltensweisen mit solchen aus dem Wald und der Natur. Ihr geht es um ein behutsames Betrachten unserer selbst und der Welt im Anthropozän – und um ein wohlüberlegtes Rütteln an unseren Gewissheiten über diese Welt. Ihre Installation ist ein Erfahrungsraum, der eine wunderbar fragile Poesie entfaltet und uns einlädt, im Gehen über den Wandersteg die Gedanken schweifen zu lassen oder aber den Weg zu verlassen, um innezuhalten in dieser Welt, die voller Widersprüche ist und wo sich trotzdem manches fügt – in den Ruinen, die wir überall hinterlassen. “
mehr lesenDie Dinge vermischen sich , Anne Prenzler, 2024
„Wenn wir zur Ausstellung von Joanna Schulte gelangen wollen, müssen wir sie erklimmen. Zu Beginn unserer Wanderung werden wir von einem friedlich kauernden Reh begrüßt. Dann beginnt der Aufstieg über eine teilweise dekonstruierte Treppe in den Ausstellungsraum. Hier finden wir ein Stempelhäuschen un…“
„Wenn wir zur Ausstellung von Joanna Schulte gelangen wollen, müssen wir sie erklimmen. Zu Beginn unserer Wanderung werden wir von einem friedlich kauernden Reh begrüßt. Dann beginnt der Aufstieg über eine teilweise dekonstruierte Treppe in den Ausstellungsraum. Hier finden wir ein Stempelhäuschen und einen Pfad, der uns nun leiten soll. Geräusche, Düfte ergänzen die Simulation einer Wandersituation. Uns begegnet ein künstlerisch gestalteter Holzweg in einem exemplarischen „White Cube“. Dies ist die Ausstellungsansicht, die wir vorfinden. Wir können nun den Holzweg betreten, auf den Bänken verweilen und den Geräuschen lauschen. Was wir nicht können, ist die Aussicht zu genießen, denn sie endet an den weißen Wänden des „Cubes“/des KUBUS. Wir sind nicht draußen, wir sind drinnen. Gehen wir bei „drinnen“ nicht davon aus, dass wir uns meist in künstlich geschaffenen architektonischen Bauwerken befinden, wie zum Beispiel dem KUBUS? Und denken wir bei „draußen“ nicht an die wilde Natur, in der wir uns so gerne aufhalten? Warum eigentlich? Dies beantwortete Nietzsche mal mit dem Satz: Wir lieben die Natur, weil sie nicht über uns urteilt. In der Stadt werden wir permanent beurteilt: Was trägt er/sie, wo kommt sie her, wie sieht sie aus… usw. Die Natur lässt uns Luft zum Atmen, sie gibt uns Raum der Stille. Kommunikation findet hier auf einer anderen Ebene statt. Aber die Natur will nicht mit uns kommunizieren, denn: Das Grausame an der Natur ist, dass sie sich nicht für uns interessiert – auch Nietzsche, der wandernde Denker per se. Wir brauchen die Natur, aber sie braucht uns nicht – kultiviert als Nahrungsquelle oder als Erholungsraum, um in ihnen zum Beispiel zu wandern. Womit wir wieder bei der Ausstellung wären, die diesem Gedanken ästhetisch nachgeht. Die Holzplanken und Bänke sind nun zur Kunst geworden, weil sie „drinnen“ im „White Cube“ sind. Draußen wären sie nur nützliche Gegenstände, die sich am sinnvollsten in die Natur zu fügen haben und den Wandernden leiten oder pausieren zu lassen. In der Kunst wird der Unterschied zwischen drinnen und draußen zum Extrem geführt. Er entscheidet letztlich über das Sein der Dinge, über ihreWahrnehmung dieser. Lässt man sich auf die Ausstellung ein, eröffnet sie vielschichtige Rezeptionsmöglichkeiten, die einen wie auf einer guten Wanderung an überraschende und eindrucksvolle Orte führen können. Die Qualität der Ausstellung liegt genau hier, in den Gedanken, die das Außen und Innen überwinden. “
mehr lesenWe‘ve got to get in to get out und Außen ist das Gegenteil von Innen, Dr. H. Paulsen, 2024
„Sie alle beschwören diese Stimme. „Sprich Erinnerung, sprich!“, ruft uns und sich selbst Vladimir Nabokov zu, Marcel Proust begibt sich auf die Suche „nach der verlorenen Zeit“, und schließlich flüstert uns Joseph von Eichendorff zu, es „schläft ein Lied in allen Dingen“. Ein einzelner Klang, ein Wo…“
„Sie alle beschwören diese Stimme. „Sprich Erinnerung, sprich!“, ruft uns und sich selbst Vladimir Nabokov zu, Marcel Proust begibt sich auf die Suche „nach der verlorenen Zeit“, und schließlich flüstert uns Joseph von Eichendorff zu, es „schläft ein Lied in allen Dingen“. Ein einzelner Klang, ein Wort, ein Geruch oder eine durch einen ganz bestimmten Geschmack erweckte Assoziation – und schon steigen versunkene Bilder in uns auf. Aus den Sedimenten der Erinnerung werden diese Bilder herausgelöst, sie ziehen immer mehr mit sich, bis sich der Moment wieder zusammensetzt und das Bild sich vervollständigt. Wir haben unsere eigene Erfahrung mit dem Umgang mit unseren Erinnerungen; wir erfinden dafür sogar eigene Rituale, die sich immer weiter verfeinern, je älter wir werden und je öfter wir uns erinnern, indem wir nach hinten denken. Kunst ist Mitteilung von Subjektivität, die sich durch den Weg, den das Kunstmachen einschlagen muss, um Mitteilung zu werden, objektiviert. Es geht darum, die Dinge so aufzubauen – ganz gleich ob mittels Malerei oder einer Installation –, dass sie sich einander ergänzend und steigernd verdichten, bis eine Atmosphäre sich mitteilt, die zuvor noch nicht da war, aber doch in diesen Dingen irgendwie schlummerte. Erst die Gegenüberstellung setzt sie frei. So in etwa sieht Joanna Schultes Botschaft aus. Das ist ihre Mitteilung. Andere mit hineinzuziehen in die eigene Vergangenheit und das allgemein Mitteilbare aufzufinden, ist hier die Aufgabe. Auch wer es so nicht erlebt hat oder erleben konnte, soll teilhaben können an der „Weltsprache“ Erinnerung. Das Individuum ist soweit universell, als es das „Erinnern überhaupt“ mit anderen Individuen teilen kann. Auch wenn es persönliche, nicht übertragbare Bilder gibt, hat Erinnerung immer so etwas wie ein mitteilbares „Storyboard“. Der dazugehörige Film ist jeweils ein anderer. Wie ist diese Empfindung beschaffen, wer oder was spricht da? Joanna Schulte sucht die Endlosschleife Sehnsucht über die Akkumulation zu fassen. Wiederholung gehört auch zur Sprache der Erinnerung. Ein Musikfragment oder ein Auftritt allein im roten Kleid in weiter Landschaft und die an Oliver verschickten DDR-Ersttagsbriefe belegen die Methode dieses Immer-wieder-von-vorn-beginnen-Müssens desselben. Eine zweite Ebene der Mitteilung ergibt sich aus den verwendeten Gegenständen geradezu zwangsläufig und drängt sich auf. Da nämlich diese Dinge alle sehr sprechend sind, entsteht auch so etwas wie eine Dokumentation von Zeitgeschmack. „So war das also früher, was für Zeiten“, denken sowohl die ganz Jungen wie auch die Älteren, sich Erinnernden. Das war also einmal modern, aktuell oder „der letzte Schrei“, denkt man unwillkürlich. Dadurch erfährt die Arbeit diese merkwürdige Doppelung zwischen Poesie und Neugierde auf Veraltetes, inzwischen kurios Gewordenes. Die Briefe an Oliver sind auch gleichzeitig ein Dokument der postalischen Gegenwart der versunkenen DDR, weiter collagiert und damit vervollständigt durch Aufkleber und Vermerke der heutigen amtlichen Post. Spuren der Gegenwart von Zeitgenossen interessieren Joanna Schulte ebenso sehr wie die versunkene Zeit. Graffiti-Spuren an Wänden oder Hinweisschildern abgelegener Orte werden ebenso einbezogen wie der Verfall durch den Zahn der Zeit. Die fotografischen Dokumentationen sprechen dieselbe Sprache wie die aufbewahrten und in den Arrangements wiederverwandten Fundstücke. Eine besondere Art Pathos ist immer mit anwesend: Abschiedsschmerz mischt sich mit einer Achtung auch vor dem scheinbar Allerunbedeutendsten, sodass eine Poesie des Alltäglichen und Banalen freigesetzt wird. „Paximat“ ist der Name eines Projektors für Kleinbilddias, der als Titel der in der hannoverschen Marktkirche gezeigten Installation einen besonderen Klang erhält – bedeutet doch Pax auch im Lateinischen Frieden. Dona Nobis Pacem, schenke uns Frieden, eine hier so oft gehörte Bitte. Diese Arbeit thematisiert das Camping als das ritualisierte Provisorium mit dem entsprechenden Zubehör, das als Freiheit begriffen wird. Genauso wie das Wandern in der näheren Heimat. Ausgebaute Wege mit Ausblicken und Stempelhäuschen, vertraut und jedes Mal wieder neu erlebt. Dazu kommen dann auch wieder Kuriosa, wie die Holztiere aus Spezialschaum geformten Tierfiguren, die eigentlich als Ziele für einen Bogenschützen-Parcours gedacht waren und nun im Innenraum der Städtischen Galerie KUBUS als Repräsentanten des Wildlebens im Walde herhalten. Das sind einige Andeutungen zu verschiedenen Arbeiten von Joanna Schulte, die die geistige Klammer im Werk dieser Künstlerin veranschaulichen sollen und den gedanklichen Horizont umreißen, in dem sich diese sehr persönliche Kunstauffassung bewegt.“
mehr lesenKunst der sanften Melancholie, Giso Westing, 2023
„ Dieses Oktabin ist in die Jahre gekommen. Ganz so, als hätte es jemand zur Seite gestellt und dort für eine ganze Weile unbeaufsichtigt stehen gelassen. An der Außenwand des achteckigen Kartongehäuses haben sich wohl Sprayer zu schaffen gemacht. Der Körper jedenfalls ist mit Graffitis überzogen. D…“
„ Dieses Oktabin ist in die Jahre gekommen. Ganz so, als hätte es jemand zur Seite gestellt und dort für eine ganze Weile unbeaufsichtigt stehen gelassen. An der Außenwand des achteckigen Kartongehäuses haben sich wohl Sprayer zu schaffen gemacht. Der Körper jedenfalls ist mit Graffitis überzogen. Drinnen ein ähnliches Bild vermeintlicher Nachlässigkeit: Ein alter, bemalter und beklebter Mülleimer zeigt Mitteilungsbekundungen subkultureller und politischer Bewegungen. Von den Wänden pellt sich die Tapete, und schriftliche Tags wie auf Schultoiletten sowie Sticker lassen die Abwesenheit der vormals Anwesenden schmerzlich spüren. Der Boden des Mülleimers fehlt, und sein Inhalt liegt auf dem Boden verstreut. Er zeugt von vergangenen Gelagen – Chipstüten, Kronkorken, leere Bierflaschen. An der Wand ganz rechts, neben der Tür, jedoch hängt eine fein gearbeitete und gerahmte Collage, darauf der Satz „Zu Gast eingeladen – geladen in das Unvergessen – zu Gast“. Das „Unvergessen“, in das die Künstlerin einlädt, holt aus den Tiefen der Vergangenheit hervor, was nie ganz weg war. Die Serie der Oktabine ist die erste Werkphase von Joanna Schulte, die sie noch während des Studiums in Hannover ab dem Jahr 1997 entwickelte: Abgeschlossene Zeitkapseln, die von außen zwar gleich aussehen, innen aber in je andere Welten tauchen lassen. Nur einzeln betreten die Besuchenden die Kapseln und sind alleine mit ihrem Kunstgenuss. Diese Intimität, das Zurückgeworfen-Sein auf sich selbst in der Auseinandersetzung mit den sinnlichen Konstruktionen der Künstlerin, ist schön und unheimlich zugleich, denn die Einsamkeit, die in der Isolation liegt, muss erst einmal ausgehalten werden. In dem schlicht wirkenden Kartonoktagon des Herstellers „Borealis“ werden eigentlich Kabelreste gesammelt. Joanna Schulte baut für die Eintretenden sorgsam inszenierte Landschaften privater und öffentlicher Räume, mal die Eckkneipe, mal den Wartebereich einer Behörde, ein Oktabin bot sogar den Kurzurlaub auf einem Sandstrand. Das vormals letzte Oktabin war eine Hommage an die verlorene Liebe. Seitdem hat Schulte die künstlichen Welten aufgeklappt. In ihren installativen Arbeiten im Ausstellungsraum bewegen sich die Besuchenden wie auf einem Bühnenbild miteinander und sich gegenseitig betrachtend. Was ließ die Künstlerin zurückblicken, und was hat sie gefunden? Dieses Oktabin ist abstrakter als die vorherigen, liegt sein Thema doch im Verhältnis von Innen und Außen, zwischen vergangener Zeit und Jetzt, in der Relation von Natur zu Künstlichkeit. Es erzählt eine Geschichte der Reflexion, die zugleich eine Geschichte des Recyclings ist. Die Objekte, mit denen Joanna Schulte ihre installativen Settings baut, sind gefundene, aufgestöberte und zufällig entdeckte Zeitträger, die durch ihre Anordnung sowie die gestalterischen Zusätze der Künstlerin zu neuem Leben erwachen. Poetische Texte, Klänge, Videos und Lichtspiele regen ein atmosphärisches Empfinden an, das als nostalgisches Gefühl mitschwingt. Die vermeintliche Erinnerung der Betrachtenden, welche die wiederverwerteten Alltagsgegenstände auslösen können, leisten den emotionalen Zugang zu der Erfahrung des künstlichen Arrangements. Recycling war also stets Teil des künstlerischen Arbeitsprozesses von Joanna Schulte, doch besitzt es in der neuen Installation, die auf die eigene, abgeschlossene Serie zurückgreift, eine engagiertere Ebene: „LOST NATURE“ liest sich der Schriftzug, der bewusst und kontrolliert auf die Außenhaut der Zeitkapsel gesprüht wurde. „SPACE TRASH“ heißt ein weiterer. Der Müll, der sorglos den engen Raum des Oktabins begrenzt, seinen Boden einnimmt und dessen Besitzer nicht aufzufinden sind, verbindet sich mit der Schrift zu einer Arbeit, die das Vermüllen der Erde durch den Menschen thematisiert. Das Ufo, das die Eingangstür schmückt, verweist nicht nur auf die aberwitzige Idee, den Müll in geschlossenen Behältern ins Weltall zu schicken, sondern ist genauso ein Hinweis auf die einzige Zukunft, die der Menschheit bleibt, wenn sie weiter wie bisher mit den Ressourcen der Erde umgeht: Isoliert in geschlossenen Räumen, auf sich selbst und die eigene Vergangenheit zurückgeworfen, schwirrt sie durch das Nichts. Dystopisch ist der Blick zurück. Doch weist das Werk auch den Blick nach vorne. Die Reflexion über das Unvergessene erlaubt es, Vergangenes anders zu bewerten und in Neues zu wandeln. “
mehr lesenEingeladen in das Unvergessen, Paula Schwerdtfeger, 2022
„Ein Pfad ist kein Weg, ein Weg ist kein Steg, ein Steg ist keine Strecke; eine Strecke im mathematischen Sinne ist nicht mit einer Wegstrecke vergleichbar. Im mathematischen Sinne ist eine Strecke bekanntlich die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten – ich glaube, diese Art von Strecken intere…“
„Ein Pfad ist kein Weg, ein Weg ist kein Steg, ein Steg ist keine Strecke; eine Strecke im mathematischen Sinne ist nicht mit einer Wegstrecke vergleichbar. Im mathematischen Sinne ist eine Strecke bekanntlich die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten – ich glaube, diese Art von Strecken interessiert die Künstlerin Joanna Schulte wenig. Wegstrecken weiß Sie sehr wohl zurückzulegen, insbesondere lange, beim Wandern wie in der Kunst. Ihre Ausdauer kann niemand bestreiten, der allein ihre Ausstellungen 2022 zählt – acht sind es in gerade 10 Monaten. Ihre letzte Einzelausstellung hat sie vor nichtmals 14 Tagen abgebaut und nun eröffnet sie mit Muskelkater – Stege bauen bedeutet durchzuhocken – ihre „Vermeintlich abwegige“ Ausstellung im Kunstverein Brühl. Dann geht es fast nahtlos weiter nach Kopenhagen. Und nicht nur die Ausstellung wird heute eröffnet, auch ihr frisch gedrucktes Künstlerbuch Joanna Schulte: Zurück / Retour / Return feiert anlässlich der hiesigen Ausstellung die Brühl-Premiere. Der neue Katalog – inkl. eines Beitrages der Vorsitzenden Frau Zimmermann – freut sich auf eine Bücherrast auf der „Jausen-Bank“. Innen, Außen, Ineinandergehen Doch nun genug des Lobes, lassen sie uns mit der Ausstellung von Joanna Schulte denken: Ein Pfad ist kein Weg, ein Weg ist kein Steg, ein Steg ist keine Strecke, eine Strecke im mathematischen Sinne ist nicht mit einer Wegstrecke vergleichbar. Wer seine Ausstellung „Vermeintlich abwegig“ nennt, ist an der kürzesten Verbindung zwischen zwei Punkten wohl kaum interessiert. Der liebt es, das Nichtplanbare einzuplanen, sich und uns Zeit zu schenken. Wie intensiv die Künstlerin den Brühler Kunstverein durchdrungen hat, lässt sich allein schon an dem Wort „ab-wegig“ festmachen. Abwegig ist buchstäblich die Lage der alten Schlosserei. Abseits des Weges, hinter dem Tor, eröffnet sich die kleine Parkanlage. Keine Strecke im mathematischen Sinne führt von dem Parktor zum Kunstverein, ein gewundener Pfad mit kleinen Bachläufen und schmalen, im Dunklen schwer zu findenden Stegen. Auf „Abwege“ führte mich Joanna Schulte auch bei der Vorbesichtigung der Ausstellung. Ganz wichtig sei ihr die Marienstatue des Kunstvereins gewesen. „Die Marienstatue des Kunstvereins?“ Wer immer nur die kürzeste Verbindung zur Kunst sucht, dem ist die „Vermeintlich abwegige“ Maria rechts des Ausstellungsgebäudes wohl nie aufgefallen. Ihnen? Wenn Sie die Ausstellung sorgfältig durchstreifen, werden sie eine weitere, kleinere Madonna entdecken, die Joanna Schulte nach Brühl mitgebracht hat. So verklammert die Künstlerin ganz bewusst das Innen mit dem Außen, die Kunsträume mit den Lebensräumen und gerne auch Kultur mit Natur. So auch auf dem großen Print an der Stirnwand: Das rote Kleid im Königssee. Jedoch: Liegt die Kultur im roten Kleid, oder in unserem, seitens vieler Kunstwerke und Fotografien kultiviertem Landschaftsblick? Joanna Schultes Ausstellung beginnt in dem Moment, wo sie „abwegig“ gehen, das heißt, in dem Moment, wo sie die Parkschwelle in Richtung Kunstverein überschreiten, die gewundenen Pfade entlangschlendern. Und sie setzt sich „nahtlos“ fort, wenn sie hier an den Eingang der Alten Schlosserei gelangen. Doch hat Schulte ihren Steg nicht nahtlos, das heißt bündig an die Türschwelle gesetzt oder gar über diese hinaus. Joanne Schulte lässt ihren Steg respektvoll drei Schritte zurücktreten. Feinsinnig hat sie damit einmal mehr auf die Architektur reagiert. Der Steg nimmt sich zurück und auf die besondere Eingangssituation Rücksicht, da hier das „Ineinandergehen“ von Innen und Außen schon markiert war: Die Pflastersteine wandern ins Innere des Kunstraumes und lassen die reich durchfensterte Wand zur Membran zwischen Innen und Außen werden. Raumsensibel greift die Rauminszenierung der Künstlerin den in der Alten Schlosserei bereits bestehenden Innen-Außen-Dialog auf und lässt sich auf die architektonischen Besonderheiten vor Ort ein. Keine Grenze, ein Fließen, in welches sich die gewundenen Stegbohlen einreihen. „An Oliver“ Den zentralen Steg möchten wir noch nicht besteigen, sondern Sie zunächst auf andere, „vermutliche abwegige“ Pfade führen. Denn es gibt nicht nur die prominent gesetzte Bodenarbeit. Sie sehen weitere, schmale Stege an die Wand montiert, welche die Länge des Raumes aufgreifen. „Olle“ Briefe sind hier fein säuberlich aufgereiht. In der seit 10 Jahren wachsenden Werkreihe „An Oliver“ hat Joanna Schulte inzwischen über 1000 DDR-Ersttagsbriefe auf Reisen geschickt. Jeder der Briefe „An Oliver“ kam nicht an, wie mitunter die auffälligen Aufkleber der Deutschen Post zeigen. Ersttagsbriefe der DDR, die zu besonderen Anlässen herausgegeben und von Sonderbriefmarken begleitet wurden, fand Joanna Schulte bei einem Künstleraufenthalt in Prösitz bei Leipzig. Zum einen interessierte sie deren Visualität, v.a. aber ihre kulturhistorischen bis kulturpolitischen Zwischenbereiche. Wer ist dieser Oliver, dem Joanna Schulte seit 2012 schreibt und doch bei jedem Brief ein Elvis-reifes „Return to Sender“ kassiert? Erneut begegnet uns dieses „Ineinanderlaufen“ von Innen und Außen: Umso mehr Briefumschläge mit ihrer ganz eigenen Geschichte ich mir anschaue, umso mehr vertiefe ich mich in deren Innen. Was mag wohl in der Hülle sein, was dort geschrieben stehen? In der einen und den unzähligen anderen Rück-Sendungen? Die „Hülle“ Umschlag macht das abwesende Innere präsent. Vielleicht ist diese alte Frage von „Form und Inhalt“, Körper und Seele, was die Werkreihe „An Oliver“ in sich birgt? Und ist Kunstmachen nicht so etwas wie das heraufbeschwörende Briefeschreiben „An Oliver“, wieder und wieder und wieder? Ohne zu wissen, wer oder was das ist, die „Kunst“, ohne zu wissen, ob jemand sieht, hört, empfängt, was man da sendet? Zu wissen, dass man sich meistens ein „Return-to-Sender“ einhandelt und doch eine neue Botschaft in eine neue Hülle falten und auf Reisen schicken... Neben diesen hintergründigen Überlegungen ist es aber auch einfach eine Freude, diese wohlkomponierten „Hüllen“ zu betrachten: Briefmarken, Stempel, Notizen bilden eine eigene Verweisstruktur. Ein beziehungsreiches Echo hallt zwischen den Jahreszahlen wieder. Die hier aufgereihten Briefe sind alle an den Brühler Kunstverein adressiert – und nicht ganz zufällig ziert ein Max Ernst die ein oder andere Sendung. Mit diesen Briefen hat Joanna Schulte den Kunstverein in ihr „Oliver“-Projekt eingesponnen und die Ausstellung seit der Jury-Sitzung vorbereitet. Wie mögen wohl die Postbeamtinnen und -beamten über alles das denken? Schließlich werden sie seit 2012 unfreiwillig in das unergründliche Vorhaben der Künstlerin, Oliver zu erreichen, eingebunden? Fiebern sie mit, rätseln sie, sind sie einfach nur noch genervt? Oder haben die ersten ihren eigenen Briefroman über die unerreichbare Liebe zwischen Joanna und Oilver zu schreiben begonnen? Was dem Kunsthistoriker im Zwiegespräch mit einer solchen Arbeit Rätsel aufgibt, ist die Verortung: Wie diese Briefserie kunsthistorische bezeichnen? Ist das Mail-Art, eine v.a. seit den Fluxus-Künstler*innen etablierte Form des Kunst-Austausches? Ist es ein eher kulturhistorisches Projekt, welches sich zwischen den Briefmarken, Ersttagsbriefen und Sammelmarken entfaltet? Ist es ein bildwissenschaftlicher Ansatz? Schulte zeigt uns ja letztlich wieder ein collagiertes Bild, welches die Bildwelten unserer Alltagskultur nutzt, sie einbindet und befragt. Oder ist es gar Institutionskritik, vor der wir hier stehen. Nicht nur, dass die Künstlerin die Verwaltungsstrukturen der Institution Post herausfordert, auch verschiedene Kunstinstitutionen Deutschlands werden inkludiert, unterwandert und in die Suche nach „Oliver“ netzwerkend eingebunden. „Vermeintlich abwegig“ wäre es, Schultes beharrliches Brief-Projekt in eine Schublade zu pressen, wo es doch gerade die Um- wie Abwege sind, die „An Oliver“ unvergleichlich machen. Der Steg Ein Pfad ist kein Weg, ein Weg ist kein Steg, ein Steg ist keine Strecke; eine Strecke im mathematischen Sinne ist nicht mit einer Wegstrecke vergleichbar. Was ist eigentlich ein Steg? Eine „dem Überstieg oder Aufstieg dienende, mehr oder weniger kunstvolle Holzconstruction“, so das Grimmsche Wörterbuch. Das passt. Etymologisch sind das „Übersteigen“ und die „Stiege“ die Wurzeln des Wortes und lassen den Graben oder das Wasser in den Sinn kommen. Und auch in der Ausstellung passiert dies – nichts zuletzt die gewundene Form der Holzbohlen und natürlich die große Fotografie am Kopfende tragen dazu bei. „Solange man noch auf dem Stege ist, soll man den Graben nicht spotten,“ lautet ein alter Spruch. Mit dem Aufsteigen und Übersteigen geht die Gefahr des Absturzes einher; fraglos. Und auch im „Laufsteg“ klingt – bei allem Stolz über die exponierte Position, wenn man „oben steht“ – die Angst vorm öffentlichen Umknicken oder gar Abstürzen mit. Künstler*innen kennen diese exponierte Lage nur zu gut. Nicht zuletzt deswegen, weil Kunst sich immer im Öffentlichen ereignet. Ereignen muss, denn nur im Öffentlich kann etwas Entstandenes zu einer Zeit Kunst genannt werden. Ist der gewundene Steg eine Reflektion des eigenen Künstler*inne-Wanderweges? Oder ein Bild des sich tagtäglichen Auf-den-Weg-machens von uns allen? Es ist erstaunlich, wie stark der Begriff „Steg“ an die Materialität Holz geknüpft scheint. „[M]ehr oder weniger kunstvolle Holzconstruction“, hieß es im Grimm’schen Wörterbuch. Liegt es am Material? Nicht unbedingt, denn Eisenstege kann man sich inzwischen auch gut vorstellen. Was sie mit den Holzstegen verbindet ist, dass auch sie oftmals etwas gefühlt Prekäres haben. Insbesondere dann, wenn man durch sie hindurchsehen kann. Stein-Stege kommen jedoch weniger in den Sinn; der Stein steht für das Feste. Der Steg hat etwas Vorübergehendes, etwas Provisorischeres – vielleicht ist das das Charakteristische? „Wo ein Steg ausreicht, baut man keine Brücke“, heißt ein weiteres Sprichwort. Die „Holzconstruction“ Steg entsteht aus dem Leben, tagtäglichen Bedürfnissen, aus privaten Initiativen oder kleinen Gemeinschaften, mitunter spontan. Sie passt sich an die Bedingungen vor Ort an, reagiert auf diese. Die unzähligen Stege sind vielleicht nicht in allen Navigationsgeräten zu finden, sind aber in den menschlichen Wege- und Lebenskarten vor Ort fest eingezeichnet. Und so wurden früher insbesondere diejenigen für ihre Ortskenntnisse gelobt, die nicht nur alle Brücken und Wege, sondern v.a. auch die Stege in einer Region zu finden wussten. In dieser Hinsicht scheint mir Joanna Schulte den Steg als Bild in ihrer und für ihre Kunst zu nutzen: Lebensnah, ortswach, flexibel, offen und Kunst als eine nie zu sichere Angelegenheit zwischen Kultur und Natur, Welt und Mensch. Hat eigentlich nie ein*e Postangestellte*r zum Hörer gegriffen und mal beim Absender angerufen? Klar, auf dem Umschlag stehen keine Telefonnummern, aber die Nummern vom Brühler Kunstverein oder anderen angegebenen Institutionen sind ja leicht zu eruieren. „Guten Tag Frau Zimmermann, ich suche eine Joanna Schulte, die bei Ihnen arbeiten muss. Sie hat jetzt mehrere Briefe an einen Oliver geschrieben, vergisst aber immer die Adresse.“ Mit diesem Telefonat hätte sich aus der festen Institution Post ein Steg ins Leben – und in die Kunst von Joanna Schulte gebildet. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass jemand Ersttagsbrief aus einem nicht mehr existenten Staatsgebilde mit klug kuratiertem Briefmarkenprogramm versieht, hätte doch Lust auf ein Telefonat machen können? Drei Kunst-Erkenntnisse nehme ich aus der Ausstellung mit: 1. Kunst ist „Vermeintlich abwegig“, das ist ihre Stärke. 2. Kunst ist „Oliver“: wieder, wider, immer wieder. 3. Kunst ist ein Steg. Da wo Kunst zur festen Brückenarchitektur mit Ewigkeitsanspruch auftritt oder inszeniert wird, darf man skeptisch sein. Joanna Schulte hinterfragt und erforscht diese staatskulturelle Einbettung von Kunst und Geschichte in spezifischen Bildkulturen – u.a. in den Ersttagsbriefen, Bildstempeln oder Briefmarken. Worauf bezieht sich eine Kultur? Wie werden Kultur und Nation über Bilder kreiert und scheinbar „natürlich“? Bilder stehen plötzlich stellvertretend für Abstraktes, z.B. für etwas man als „deutsch“, „französisch“, „neuseeländisch“, „indonesisch“, „russisch“ „indisch“ und und und bezeichnet, fühlt oder denkt. Diese „zweite Natur“, zu welcher die Kultur gerinnen kann, hat u.a. der französische Philosoph Roland Barthes („Mythen des Alltags“, erstmals 1957) kritisch befragt und mir scheint, dass auch Joanna Schultes Kunst eine kritische Distanz zu den Ewigkeitswerten sucht: Sei es im roten Kleid in der historisch wie kulturhistorisch überhöhten Erhabenheitslandschaft Königssee, sei es im Bild des Steges oder in der u.a. bildwissenschaftlichen Befragung „An Oliver“. Der Königssee ist schön, die Briefumschläge mit all den ausgewählten Briefmarken sind Welten zum Eintauchen und Max Ernst bleibt ein spannender Künstler, ob im benachbarten Museum oder auf einer Sammelmarke. Doch das Ewige, Allzusichere, vermeintlich „Natürliche“ gilt es mit Abstand zu betrachten. Auf Pfaden achtet man der Schritte. Auf Stegen ist man sich nie zu sicher, man hat das mögliche Hinunterfallen im Hinterkopf. Dankbar bin ich, wenn mich irgendwo im Abwegigen eine „mehr oder weniger kunstvolle Holzconstruction“ unerwartet über einen Graben auf neue Pfade führt; in der Natur wie in der Kunst. “
mehr lesenVermeintlich abwegig, Michael Stockhausen, 2022
„ Zurückgelassen wirken die Diskokugeln, die Plattencover und Heftchen, ja selbst die Möbel, an denen die Zeit zu kleben scheint – nicht als Staub, sondern als Erinnerung an etwas, das mal war und nicht mehr ist. Durch das schummrige Zwielicht der Räume ist ein Sound zu hören, ein Loop vielleicht, e…“
„ Zurückgelassen wirken die Diskokugeln, die Plattencover und Heftchen, ja selbst die Möbel, an denen die Zeit zu kleben scheint – nicht als Staub, sondern als Erinnerung an etwas, das mal war und nicht mehr ist. Durch das schummrige Zwielicht der Räume ist ein Sound zu hören, ein Loop vielleicht, ein erzählter Text oder auch nur das Summen von Lampen. Mit ihrem Licht werfen sie Bilder, die im Inneren der Besuchenden pulsieren: ist das meine Erinnerung oder die eines Dritten? Joanna Schulte baut Innenräume, Interieurs, aus gefundenen Materialien sowie reflektierenden, projizierenden und schallenden Apparaten. Was zufällig wirken kann, ist eine bewusste Komposition, die eigens für Schloss Landestrost erschaffen wurde. Das Arrangement legt sich wie eine zweite Haut auf die Gegebenheiten der Ausstellungsräume. In ihnen kann das besuchende Subjekt einen Resonanzraum der eigenen Erfahrungen, Gedanken und Erinnerungen finden und diese zurückwerfen auf das Vorgefundene – ein sich selbst versorgender, bedeutungsgenerierender Kreislauf. Die Künstlerin verknüpft den betretbaren Raum mit dem Inneren der Besuchenden. Nostalgie ist dabei die emotionale Eintrittskarte, über die sich das Innere dem arrangierten Raum, seinen Unheimlichkeiten, Untiefen und zeithistorischen Brüchen öffnet. Schmerzlich wird die Differenz zwischen dem Erlebten und der suggerierten Erinnerung an etwas, das selbst nicht erlebt wurde, bewusst. Dieser Schmerz ist bittersüß. “
mehr lesenSchön, dass es schön war, Paula Schwerdtfeger, 2020
„Nicht nur die Titel beider Ausstellungen beinhalten eine Tautologie, die gesamte Sound-Installation im Raum für Freunde des Kunstverein Wolfsburg und jüngst in den Räumen von Schloss Landestrost sind auf das Motiv der Dopplung ausgerichtet. In Stereo Twice (dt.: zweimal Stereo) stehen sich zwei Mu…“
„Nicht nur die Titel beider Ausstellungen beinhalten eine Tautologie, die gesamte Sound-Installation im Raum für Freunde des Kunstverein Wolfsburg und jüngst in den Räumen von Schloss Landestrost sind auf das Motiv der Dopplung ausgerichtet. In Stereo Twice (dt.: zweimal Stereo) stehen sich zwei Musikmöbel aus den 1960er-Jahren gegenüber. Auf den Plattentellern dreht sich Give Me Your Love, eine Hit-Single aus den 1980er-Jahren von Frank Duvall. Der musikalische Inhalt ist jedoch zweitrangig, denn die beiden Tonarme sind so manipuliert, dass immer wiederkehrend ein und dieselbe Stelle wiederholt wird. So geschieht auf analoge Weise dasselbe, was sonst elektronisch durch das Mixen von Samples erzeugt wird: ein unbestimmter Beat, der durch die Verwendung von zwei Stereo-Klangquellen eine Raumwirkung erzeugt. Je nachdem, wo sich der Besucher im Raum befindet, entsteht eine Klangverfärbung: So erscheinen die beiden Beats teilweise synchron, um sich im nächsten Moment zeitlich und räumlich voneinander zu entfernen und sich dann wiederzufinden. Die Klangarbeit verweist durch die Verwendung des Loops einerseits auf die Wiederholung als einem der elementarsten Bestandteile von Musik und gleichzeitig auf die Unmöglichkeit der vollkommenen Gleichheit des Wiederholten an sich. Passend zum Ort spielt die Ausstellung Schön, dass es schön war mit einem nostalgischen Reflex; er wird durch bildhafte, multimediale Szenen erzeugt, die sich über die Ausstellungsfläche ziehen. Die Installationen beinhalten Materialien wie Lampen und Möbel der 1960-er und 1970er-Jahre, Discokugeln, Plattencover oder Diabetrachter. Neben diese kollektiven Erinnerungsmomente, die sich auf eine vergangene Alltagsästhetik beziehen, tritt in Joanna Schultes Arbeiten oft ein weiteres Moment: das Erzählerische, häufig verbunden mit einer Anbindung an die Person der Künstlerin selbst. Zudem spielt immer wieder auch der zeitliche Aspekt in den Installationen eine große Rolle und gibt diesen einen Bühnencharakter, der vollständig ohne handelnde Personen auskommt. So offenbart die an der Garderobe zurückgelassene altmodische Damen-Felljacke, dass es einen Moment davor gegeben haben muss und die Trägerin den Schauplatz bereits verlassen hat. Die Garderobe und das Schränkchen zitieren zudem eine vergangene Epoche der Wohnkultur, exemplarisch dafür sind auch der Kassettenbandsalat und eine Kopfstütze aus den 1970er-Jahren. In der von Schimmel befallenen Fotografie wird diese Überlappung noch einmal potenziert: So wohnt der analogen Fotografie als Spur der Anwesenheit eines Objektes per se eine doppelte Zeitebene inne. In der Oberfläche, in die sich der Pilz hineingefressen hat, manifestiert sich diese erneut. Das Unerreichbare, die Abwesenheit und die Wiederholung sind wichtige Motive in Joanna Schultes Kunst. Die Ausstellung im Schloss Landestrost zeigt, bei aller bewusst erzeugten Nostalgie, dass eine Rückkehr ins Gestern unmöglich ist. Die Mischung aus einfachen Alltagsmaterialien einer vergangenen Zeit und die Anwendung von zeitgenössischen Kulturpraxen wie dem Sampling und dem Remix prägen Joanna Schultes künstlerischen Ansatz des Zeitebenen-Clashs. Das Motiv der Wiederholung wird von ihr konsequent in der Materialwahl weitergeführt. Die verschiedenen Installationsteile erhalten immer wieder neue Leben und werden ortsspezifisch zu komplett andersartigen Settings arrangiert. Joanna Schulte verwendet hierfür im Kreislauf des Konsums bereits vorhandene Gegenstände und Werkstücke und zielt damit auch auf die Nachhaltigkeit ihrer Kunstproduktion ab.“
mehr lesenSchön, dass es schön war, Jennifer Bork, 2020
„....Die raumgreifende Installation öffnet unseren Blick in die Landschaft, fuehrt uns in den Nebel. Nebel ist mit der Einladungskarte, das Erste das uns begegnet und Nebel ist ja an sich ein interessantes Naturereignis: Er schließt und verriegelt den Ausblick. Die 'Sicht nehmen', das kling…“
„....Die raumgreifende Installation öffnet unseren Blick in die Landschaft, fuehrt uns in den Nebel. Nebel ist mit der Einladungskarte, das Erste das uns begegnet und Nebel ist ja an sich ein interessantes Naturereignis: Er schließt und verriegelt den Ausblick. Die 'Sicht nehmen', das klingt bereits poetisch, etwas zu verhüllen wie ein Sehnsuchtsraum, bei Joanna Schulte ist es das Palindrom - vorwärts gelesen der Nebel, rückwärts gelesen das Leben. Mit dem poetischen Wortspiel erscheint auch das Gegenteil von Leben: Nebel als Gefahrenraum oder in der Einsamkeit. So beispielsweise bei Herman Hesse, der schreibt: „Seltsam, im Nebel zu wandern! / Einsam ist jeder Busch und Stein, / Kein Baum sieht den anderen, / Jeder ist allein.“ (H.H. Im Nebel, 1905) Wie an diesem kurzen Beispiel der Nebellandschaft angeklungen, ist darüber hinaus Landschaft Projektionsfläche von Sehnsüchten und Ängsten, aufgeladen mit Erinnerungen und Erwartungen. Und: Landschaft eignet sich im Besonderen zur Abstraktion. Das ist erstaunlich, man denkt zunächst Landschaft und Abstraktion lassen sich nicht leicht vereinbaren. Dennoch: Aus vielfältigen und heterogenen Eindrücken sich ständig wechselnder Ausblicke stellen wir Landschaft her. So wie es nicht die Natur gibt, gibt es nicht die Landschaft, sondern Landschaft ist ein abstraktes Konzept, das sich erst in unserer Wahrnehmung zusammensetzt. Sie kann Fluss/Stadt/Waldlandschaft sein. Wir schauen nicht einen Grashalm an und nennen ihn Landschaft. So kann man mit dem Philosophen und Soziologen Georg Simmel und mit dem Kunsthistoriker Richard Hoppe-Sailer sagen: "Was wir unter Landschaft verstehen, ist bereits das Ergebnis eines vielschichtigen, anschaulichen Abstraktionsprozesses." (Seiler / Simmel) Joanna Schulte nutzt die Grenze der durchlässigen Membran zwischen dem Innenraum der Installation und dem Außenraum der Natur, um solche Zwischenräume wieder sichtbar zu machen. Sie überträgt die Landschaft, die wir als gegeben annehmen, zurück in den abstrakten Raum: eine Form laufen – das ist ja ein sehr schöner Titel, man fragt sich zugleich: Welche Form? Worin besteht die Form? So wie der Blick durch den Nebel immer wieder verschlossen und geöffnet wird, werden wir in der Ausstellung durch den Installationsraum geleitet, mit Holzstegen als Leitfäden und Wellenbewegung. Dazwischen der vom Nebel gehemmte Gang. Auch die 360 Grad Soundinstallation nimmt darauf Bezug: „rechtsdrehend, linkswindend... abwärtsfallend... So werden uns die Bewegungen deutlich, in der sich ständig Formen zusammensetzen und Erkenntnisse herausbilden - beim Wandern, als Selbst- und als Naturerfahrung – in der Kunst als Abstraktionsleistung. Vom Weg abzukommen ist durchaus erlaubt, als Gegenbewegung, auf eigenen Wegen immer wieder eine Form suchen, auch der Nebel sucht sich seine Formen und hat skulpturale Qualität. Wer seiner Leidenschaft zum Wandern oder zur Kunst Ausdruck geben möchte, kann seine Anwesenheit mit einem Stempel aus den zwei Stempelhäuschen dokumentieren. Die Häuschen dürfen geöffnet und benutzt werden, wie bei der Harzer Wandernadel. Parallel zur Ausstellung ist am 31.3. eine Wanderung geplant, deren Wegstrecke an die Form der hier vorfindbaren, abgelaufenen Grundrisse angelehnt ist. Nicht nur der Ausstellungsraum kommt so als Handlungsraum zur Geltung, in welchem unser Körper in das Geschehen eingebunden ist und sich im Raum immer wieder verortet – auch der Außenraum ist einbezogen. In der Ausstellung verschiebt sich das Verhältnis von Präsentem, präsent Gemachtem und Erinnertem stets aufs Neue. Es gibt hier die physische Präsenz von Natur – in Holz, Laub und Geäst; Dann die simulierte Natur des künstlichen Nebels und das Abbild von Natur in der Fotografie ebenso wie den Klang, der eine geisterhaft durch den Raum fließende Präsenz erzeugt. Das Flüstern von Joanna Schulte, zieht so schnell weiter, dass wir sie selten einholen, sie uns aber immer wieder einfängt, wie ein Echo im Wald. Hallend erklingen auch die Töne von Zither, Gitarre und natürlich: einer Wandergitarre...... “
mehr lesenComing up - going down, Julika Bosch, 2019
„„…... Für die Stadthalle im rheinischen Linz hat die Künstlerin nun eine auf den ersten Blick fast minimalistisch wirkende, inhaltlich jedoch von vielfältigen Resonanzräumen und Echos erfüllte Rauminstallation entworfen. »Weil das was ist nicht alles ist« (2016) verweist schon in seinem Adorno entle…“
„„…... Für die Stadthalle im rheinischen Linz hat die Künstlerin nun eine auf den ersten Blick fast minimalistisch wirkende, inhaltlich jedoch von vielfältigen Resonanzräumen und Echos erfüllte Rauminstallation entworfen. »Weil das was ist nicht alles ist« (2016) verweist schon in seinem Adorno entlehnten Titel auf die Sehnsucht nach Überwindung der Dichotomie zwischen Realität und künstlerischer Fantasie, zwischen Fakt und Fiktion, die wie ein roter Faden das Werk durchläuft. Dass die Stadthalle Linz eigentlich einmal eine im 17. Jahrhundert erbaute Klosterkirche der Kapuziner war, die erst 1973 zum Veranstaltungssaal umgebaut wurde, kommt der Künstlerin dabei zupass, weil das Gebäude damit selbst den Akt der Verwandlung, der Transformation durchlaufen hat, der auch für alle Arbeiten Joanna Schultes die wesentliche Grundlage bildet. Dieses Gebäude ist in sich ein Muster an Uneigentlichkeit: Die Madonna über dem Portal prägt den kirchlichen Außeneindruck, der innen der Realität einer nüchternen Mehrzweckhalle weicht, die dort, wo sich der bei den Umbauten in den 1970er-Jahren auf mysteriöse Weise verschwundene barocke Hochaltar befand, nun eine von Vorhängen gerahmte Bühne bereithält. Für diesen Raum, der ganz deutlich nicht als Kunstraum konzipiert wurde, hat Schulte ein Konzept entwickelt, das ohne falschen Horror vacui einerseits die gesamte Halle aktiviert und andererseits dabei klug die beiden Pole des Gebäudes zwischen ehemaliger sakraler und heutiger weltlicher Bestimmung auslotet. Der installative Eingriff besteht aus vier Komponenten, die sich gegenseitig bedingen und wechselseitig ergänzen. Die 18 Meter lange Halle wird gegliedert durch zwei perspektivisch auf die Bühne zulaufende Bahnen von 1970er-Jahre Leuchten, die dem Besucher eine Art Gangway zur Bühne eröffnen und im pulsierenden Wechsel mit dem Bühnenlicht alle zehn Minuten den Weg des Besuchers erhellen. Korrespondierend dazu befindet sich auf der leeren, mit einem weißen Teppich ausgelegten Bühne vor den bereits vorhandenen Vorhängen ein Monitor, der genau an der Stelle platziert ist, wo einst der mittlerweile verschwundene Hochaltar stand. Auf dem Monitor sehen wir ein Filmstill eines anderen Kirchenraumes. Auf dem Boden des zentralen Kirchenschiffs liegt die Künstlerin in einem weißen Hochzeitskleid aus den Siebzigern mit Blick auf das Wand-Halbrund hinter dem Altar, in dem geisterhaft der per Photoshop eingefügte Hochaltar aus Linz erscheint. Als drittes Element befindet sich auf der für Besucher nicht zugänglichen Empore über dem Eingang eine pausenlos in Rotation befindliche Disco-Kugel, die ebenfalls im Wechsel mit der Bodenarbeit beleuchtet wird. Und die gesamte Installation wird viertens durch eine komplexe Soundcollage erweitert, die – ebenfalls im zehnminütigem Wechsel – unter anderem reduzierte Orgeltöne, experimentelle Geräusche und Ausschnitte aus Hits der 1970er-Jahre enthält. Alles in dieser Arbeit ist davon bestimmt, einen Raum der Ambivalenz, der Transformation und einer nie ganz eingelösten Erwartung zu öffnen, in dem die Eindeutigkeit des Entweder/Oder keinen Platz mehr hat. Die ganze Halle wirkt so, als würde sie auf Dauer den Atem anhalten, weil alles, was in ihr geschieht, zugleich sein Dementi enthält. Die Bühne mit dem hinter dem Monitor zugezogenen Vorhang sieht uns so an, als warte sie noch auf den Auftritt, der in Wahrheit doch schon in Gestalt des Monitors Wirklichkeit geworden ist. Und dieser Monitor wiederum enthält selbst eigentlich nichts weiter als eine sakrale Leerstelle, nämlich die Projektion des unwiderruflich verschwundenen Altars, sowie eine (falsche) Braut, die – auf dem Boden des Kirchenschiffs liegend – diesen Phantomaltar vermutlich nie erreichen wird. Eben diese produktive Ent-Täuschung erlebt auch der Besucher, der durch die auf die Bühne zulaufenden Lichtbahnen suggestiv zu diesem Monitor hingezogen wird, um dann zu erkennen, dass dieser selbst die Lücke darstellt, die durch ihn eigentlich geschlossen werden sollte. Beim Blick zurück in Richtung Eingang und Empore wird er mit einer in unerreichbarer Höhe schwebenden und ausschließlich um sich selbst kreisenden Disco-Kugel konfrontiert, die als Metapher für die weltliche Sphäre gleichzeitig doch jede Zugänglichkeit verweigert und wie ein kaltes glitzerndes Gestirn wirkt, dessen selbstreflexive Rotation nicht Genuss oder wenigstens lärmendes Partyvergessen verspricht, sondern allenfalls Abwesenheit und Entzug. Und doch ist diese Konstellation keine Übung in Beckett´scher Auswegslosigkeit eines ewigen Wartens. Was sich hier und in diesem Werk insgesamt entfaltet, zielt nicht auf Vergeblichkeit, sondern lebt von einer nie zu Ende gehenden Erwartung. In diesem Reigen des permanenten Nicht-Mehr und Noch-Nicht verliert die Realität ihre vermeintliche Unhintergehbarkeit. Statt sich dem Factum brutum des »So seins« der Dinge zu fügen, hat Joanna Schulte einen Bildreigen geschaffen, in dem nichts einfach nur faktisch gegeben ist, sondern stets schon dadurch anders, neu und möglich wird, dass man es als solches künstlerisch benennt.““
mehr lesenDie Sehnsucht der Dinge, Stephan Berg, 2016
„Der amerikanische Kunstkritiker Arthur C. Danto veröffentlichte 1981 eine umfassende Philosophie der Kunst unter dem Titel „Die Verklärung des Gewöhnlichen“. Den Titel hatte er übernommen. Er stammt aus einem Roman der Schriftstellerin Muriel Spark, in dem eine ihrer Heldinnen, Ordensschwester Helen…“
„Der amerikanische Kunstkritiker Arthur C. Danto veröffentlichte 1981 eine umfassende Philosophie der Kunst unter dem Titel „Die Verklärung des Gewöhnlichen“. Den Titel hatte er übernommen. Er stammt aus einem Roman der Schriftstellerin Muriel Spark, in dem eine ihrer Heldinnen, Ordensschwester Helena, ein Buch veröffentlicht mit eben jenem Titel „Die Verklärung des Gewöhnlichen“. „Das war“, bekannte Arthur C. Danto in seinem Vorwort, „ein Buchtitel, den ich bewunderte und selbst gern verwandt hätte.“1 Als er schließlich dafür Verwendung fand, richtete er einen Brief an Muriel Spark, auch um zu erfahren, was denn wohl der Inhalt dieses fiktiven Buches gewesen sein mochte, von dem im Roman ansonsten nicht weiter die Rede war. „Zu meinem Entzücken“, schreibt Danto weiter, „antwortete sie mir, sein Thema würde die Kunst gewesen sein, wie sie selbst sie praktiziere. Die Praxis, nehme ich an, bestand darin, gewöhnliche junge Frauen in Geschöpfe der Fiktion zu verwandeln, von denen eine geheimnisvolle Ausstrahlung ausgeht (...).“2 Wenn ich mich für die Einführung in die aktuelle Ausstellung von Joanna Schulte nun selbst bei Danto und Spark bediene und „Die Verklärung des Gewöhnlichen“ als Deutungsansatz für den Ausstellungsbesuch vorschlage, dann natürlich, weil ich den Titel bewundere. Außerdem aber scheint mir auf Joanna Schultes Kunst die von Danto beschriebene Praxis zuzutreffen, die darin besteht, eine gewöhnliche junge Frau in ein Geschöpf der Fiktion zu verwandeln, von dem eine geheimnisvolle Ausstrahlung ausgeht. Joanna Schultes Arbeiten ist immer eine autobiographische Geste eigen, eine persönliche Verstrickung, die oft konkret darin besteht, sich selbst ins Bild zu setzen. Als schemenhafte Gestalt, als Selbstinszenierung, als Identifikationsfigur. Und auch dort, wo sie nicht leibhaftig in Erscheinung tritt, ist ihre Einlassung mit Fundstücken, Materialien, Fotografie, Film und Musik ein intimer Akt, der mit der eigenen Geschichte zu tun hat. Das Wesen der Dinge in ihrem Kunstkosmos ist reich an Vergangenheit und schon deshalb in der Gegenwart von magischer Natur. Man muss nicht wissen, woher genau die Dinge stammen, man ahnt ihren Wert und ihre Bedeutung. Im Ausstellungsraum spielt der geblümte Vorhang – aus den geerbten Beständen ihrer Großmutter – eine zentrale Rolle. Er holt mit dem Blumenmuster die Natur vom Außen- in den Innenraum und gibt die Farbpalette vor, die den Saal bestimmt: ein tiefes Blau, ein moosiges Grün, ein komplementäres Magenta. Auf dem Blau der gegenüberliegenden Wand wird das Motiv des Vorhangs aufgegriffen in einer Fotoarbeit aus der Serie „Waldhotel“. Joanna Schulte hat eine verlassene Ferienunterkunft im Harz gefunden, wo Moos und Schimmel jetzt die Wände bedecken und die vormals weißen Gardinen grünlich schimmern. Die Natur erobert ihr Reich zurück. Natur und Architektur sind hier keine Antagonisten. Wo die Grenze verläuft zwischen Außen- und Innenraum lässt sich kaum mehr sagen. Der Vorhang selbst wird zum Symbol dieser Ambivalenz, eine permeable Membran. Er ist Stoff zum Verbergen und zum Enthüllen, Einladung und Verweigerung. Er schürt die Neugier, erlaubt die dramatische Inszenierung und wird als „final curtain“ zur Metapher für die Grenze zwischen Leben und Tod. „Das Stück ist erst zu Ende, wenn der Vorhang fällt“, hat Joanna Schulte aus weißen Buchstaben auf die benachbarte weiße Schiebetür geklebt. Auf der zweiten Achse des Raums wird das Spiel mit der Auflösung von Außen und Innen weitergetrieben. Vor die Parklandschaft des Hermannshofes, auf die der Blick durch die großen Fensterfronten fällt, steht auf der einen Seite ein kleiner Projektor. „Rot und Wald“ heißt das Dia, das man darin sieht. Es zeigt einen Waldweg zwischen verschatteten Tannen. In der Ferne den lichten Horizont. Davor auf dünner Schneegrenze, winzig in der überwältigenden Landschaft, die Gestalt der Künstlerin im roten Kleid. Im Leibchen – wie es in den Märchen der Gebrüder Grimm heißen würde. Das Pendant dazu auf der anderen Seite: ein Waldweg im Sonnenschein. Auch hier nur ein winziger Punkt: die Frau im roten Kleid. Joanna Schulte projiziert dieses Motiv auf die Wände am Ende der überdachten Halle im Außenraum, daneben läuft ihr Musikvideo „Lückenverzäuner“, eine Eloge auf den Frühling. Erst wenn die Abenddämmerung hereinbricht, werden die Projektionen sichtbar und die Landschaft und ihr Abbild, faktische Gegebenheit und Fiktion verschränken sich miteinander. Denn auch darum geht es: um die Entgrenzung der Wahrnehmung. Es ist eine Haltung, die Kunst und Realität verquickt. Die äußere, erzählbare Wirklichkeit erscheint als Bild einer inneren Wirklichkeit, einer Art Seelenlandschaft. Auch deshalb übrigens hatte Arthur C. Danto an seinem Titel „Die Verklärung des Gewöhnlichen“ derart viel Freude: weil dieser Titel einst ein fiktiver Titel war und er ihn zu einem realen gemacht hat. Eine erstaunliche Grenzüberschreitung.3 Am nächsten Samstag wird es aus Anlass der Finissage ein öffentliches Podium geben, bei dem Joanna Schulte unter anderem auf die Philosophin Katharina Bahlmann trifft, die ihre Publikation zur Philosophie Arthur C. Dantos vorstellt. Im Zentrum der Diskussion steht dabei die These von der „Wiederholung in der Kunst“. Das Konzept der Verdopplung und Spiegelung, der rätselhafte Reiz der Wiederholung wird in Joanna Schultes aktueller Schau erfahrbar, nicht nur hier in der Ausstellungshalle. Im Teepavillon auf dem Hermannshof, nur wenige Schritte entfernt, hat sie ihre titelgebende Installation platziert: „Wir sind was wir waren.“ Auf einer alten Blaupunkt-Stereoanlage, die früher – wie der geblümte Vorhang – ihrer Großmutter gehörte, läuft eine Schallplatte im Loop. Ständig die gleiche Rille. Der Schriftzug „Wir sind was wir waren“ ist auf dem Boden zu lesen. Man könnte auf die Idee kommen, die Arbeit als Reflexion eines immer gleichen, langweiligen Alltags zu deuten, als Rhythmus reiner Routine. Doch die Künstlerin unterläuft diese Lesart mit einer Discokugel. Die dreht sich unter der Blaupunktanlage und sorgt durch ihre Lichtreflexe für dramatische Effekte. Hier wird die Wiederholung gefeiert als Akt des Wieder-Holens, als Ritual der Erinnerung, das dem Vergangenen seinen Platz in der Gegenwart sichert. In Joanna Schultes Kunst bleibt der Loop ein Sehnsuchtsmotiv, eine Ahnung von Ewigkeit. Das Licht, in dem uns die gewöhnliche Welt erscheint und das sie zu verklären vermag, kommt immer aus uns selbst. 1 Arthur C. Danto, Die Verklärung des Gewöhnlichen. Eine Philosophie der Kunst. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1984, S. 9. 2 Ebd. 3 Vgl. Arthur C. Danto, Die Verklärung des Gewöhnlichen. Eine Philosophie der Kunst. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1984, S. 9-10.“
mehr lesenDie Verklärung des Gewöhnlichen, Kristina Tieke, 2016
„„Trautes Heim – Glück allein“ – mit Goldfäden gestickt, eine Kehrschaufel, ein Putzeimer, Staubsauger und Putzschrank, sie alle scheinen mit Gold überzogen zu sein, außerdem ein Wischmopp aus Brokat: Joanna Schulte inszeniert mit diesen wundersamen Objekten „Homestories“ der besonderen Art. Unspekta…“
„„Trautes Heim – Glück allein“ – mit Goldfäden gestickt, eine Kehrschaufel, ein Putzeimer, Staubsauger und Putzschrank, sie alle scheinen mit Gold überzogen zu sein, außerdem ein Wischmopp aus Brokat: Joanna Schulte inszeniert mit diesen wundersamen Objekten „Homestories“ der besonderen Art. Unspektakuläre Dinge der häuslichen Arbeitswelt, gewöhnliche handwerkliche Situationen und alltägliche Handlungen transferiert sie - verführerisch schön - in den Kunstkontext. Damit verortet sie ihre künstlerische Arbeit im spannungsgeladenen, weil mit Grenzziehung und Grenzauflösung verbundenen Feld von Kunst und Alltagswelt. Der ganz normale Alltag meint das stets Wiederkehrende und Unspektakuläre des täglichen Lebens, die individuell geprägten Abläufe und Regeln, persönlichen Ordnungssysteme und Rituale. Leben und Arbeit im trauten Heim: Das ist ein Beobachtungs- und Handlungsfeld, welches mit ambivalenten Vorstellungen und Gefühlen besetzt ist und in dem Heimeligkeit und individuelles Wohnglück ebenso angesiedelt sind wie die Sehnsucht nach Veränderung und Ausbruch. „Deutlich wird“, schreibt Stefan Rasche in einem Katalogbeitrag zum Thema „Homestories“, „dass das Wohnen, einhergehend mit der für die bürgerliche Gesellschaft konstitutiven Trennung von Innen- und Außenwelt, eine äußerst konservative Angelegenheit ist, weil es auf dekorativ verfestigten Strukturen und Ritualen beruht. Der private Raum ist eine stark retardierte Zone, in der allenfalls funktionale Bereiche wie Küche und Bad mit der Schnelligkeit sonstiger, äußerer Neuerungen Schritt halten“. Sich von der Kunst aus mit dem Alltag auseinander zu setzen, heißt, die künstlerische Arbeit zu einem Instrument der Beobachtung und Analyse zu machen und unseren vertrauten Blick auf das, was wir Alltagsrealität nennen, in eine neue Richtung zu lenken. Indem Joanna Schulte die Transformation alltäglicher Dinge und Handlungen in den Kunstkontext vornimmt, zum Teil auch in miniaturisierten Modellsituationen, verschiebt sie das Gewohnte und Selbstverständliche unserer täglichen Umgebung auf eine andere Wahrnehmungs- und Bedeutungsebene. In diesem Zusammenhang wird z. B. die Polarität von Realität und Fiktion, Innen- und Außenraum, Subjekt und Objekt in frage gestellt bzw. neu definiert. „Ausgehend von einer persönlichen Arbeitsweise versuche ich eine Irritation, ein Verrücken der gängigen Sichtweise zu erreichen, die Manipulation des Blicks, die Wahrheit der Bilder zu diskutieren und die eigene Vorstellungswelt den Traumfabriken und Märchen der Alltäglichkeit gegenüberzustellen.“ (Joanna Schulte) Die Künstlerin bietet hierfür den Dingen, vor allem den banalsten und am wenigsten beachteten Putzutensilien sowie den täglichen Putzaktionen eine Bühne der besonderen Aufmerksamkeit. Wir meinen in eine Märchenwelt einzutreten, die an Aschenputtels Verwandlung und Eintritt in die Welt der Prinzen und Prinzessinnen denken lässt. Wieder ist es der weiße Vogel, der Aschenputtel ein prächtiges Kleid und mit Seide und Silber bestickte Pantoffeln hinunter wirft, damit sie im luxuriösen Outfit auf den Ball gehen kann. Wer sehnte sich nicht schon einmal danach oder fühlte sich gar als Aschenputtel. Träume werden wahr. Alle Türen zu Schönheit und Reichtum stehen offen. Kollektive Vorstellungsbilder und Gefühle werden auf diese Weise aktiviert. In die Architektur des Gewölbekellers im Kunstverein Viernheim ist ein roter Steg eingebaut, auf dem der Betrachter, dem Klang eines experimentellen Musikstücks folgend, zu einer Großprojektion gelangt. Über dem Fußboden, auf einem VIP-roten Laufsteg stehend, erfährt er sich und seine eigene Wahrnehmung als etwas Einzigartiges. Eingebettet in einen stetig sich wiederholenden, ohrwurmartigen Klangteppich aus verschiedenen Geräuschen und einem einfach komponierten Musikstück taucht er in die Bildwelt des Films, der als Loop geschaltet ist, ein und verliert sich im Gewebe der immergleichen visuellen und akustischen Ereignisse. Es geht in dem Film um Hand- und Hausarbeit: Schnell huscht die Künstlerin mit ihrem roten Wischmopp immer wieder durch die Wohnung. Putzutensilien tauchen schemenhaft auf. Nahezu abstrakte, freundlich-bunte Bilder fließen unbeschwert leicht, suggerieren Bewegung und Aktivität. Die synästhetische Wahrnehmung der rhythmischen Repetition von Bild und Ton lässt das Denken um Wert und scheinbare Sinnlosigkeit kleiner, alltäglicher Hausarbeiten kreisen. Zunächst gibt sich der Rezipient dem nach und nach vertrauter werdenden und ihn durch die rhythmische Gleichförmigkeit beruhigenden Bilder- und Klangkosmos hin. Er lässt sich blenden und gerne verzaubern, empfindet ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit in einer selbstgeschaffenen häuslichen Welt, in welcher das Organisieren der Dinge und täglichen Handlungen einem selbstbestimmten festen Rhythmus folgt. Doch die Stimmung kippt um. Die Manipulation wird bemerkt. Beunruhigende Erkenntnisse holen ihn in die Realität zurück. Ihm wird bewusst, dass Vorstellungen vom „trauten Heim“ und von der „heilen Welt“ in den eigenen vier Wänden ebenso Fiktionen sind wie die Existenz von Sicherheit und Dauer. Es ist, als hielten ihm die Haushaltsutensilien einen Spiegel vor. Mit viel Pomp und Glamour lassen sie den Alltag hinter sich und machen einen Ausflug in die Welt der Reichen und Schönen. Umstrickt, umnäht oder vergoldet unterziehen sie sich einer, uns zum Staunen und Bewundern bringenden Veredelungen. Diese kostbar erscheinenden Objekte tauchen in eine parallele Erlebniswelt ein und werden zu geheimnisvollen Erscheinungen, die zum Geschichtenerzählen anregen, darüber zum Beispiel, wie das ganz normale Leben in der eigenen Vorstellung eine wunderbare Verzauberung erfährt. Glamour im Alltag – der Auftritt der Putzobjekte „Der funktionelle Gegenstand hat keine Wesenheit“, wie Jean Baudrillard schreibt. „Er ist reich an Funktionalität, aber arm an Bedeutsamkeit, beschränkt sich auf das Notwendige und verausgabt sich im Alltäglichen“. Joanna Schulte macht nun das Unglaubliche wahr, indem der funktionelle Gegenstand mittels Ästhetisierung und Dynamisierung (in den Videofilmen) seine praktische Verwendbarkeit in den Hintergrund treten lässt. Die Dinge werden zu autonomen skulpturalen Gebilden, die lustvoll, mit Humor und Verve ihren Part im absurden Theater des Lebens spielen. Mit prächtigen Kleidern aus Brokat und Gold ausgestattet, verwandeln sie sich in Objekte der ästhetischen Kontemplation. Auf diese Weise ist es möglich, die Alltagswelt aus der ästhetischen Distanz als Schauspiel oder als (Tragik)Komödie zu betrachten (siehe Arthur Danto, „Die Verklärung der Dinge“). So zum Beispiel auch in einer Miniaturprojektion, die in einem vergoldeten und umstrickten Putzschrank untergebracht ist. Zentraler Ort des Geschehens sind zwei Puppenstubenzimmer. Wir sehen u. a. einen Dreckhaufen, der voller Eigenleben ist und sich den gekehrten Raum immer wieder zurückerobert. Ordnungsliebe gilt als bürgerliche Tugend. Demzufolge gibt es zahlreiche Redewendungen: wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen; Ordnung hilft haushalten; Ordnung ist das halbe Leben, denn Ordnung braucht, so füge ich hinzu, das Chaos um sich selbst erhaltende Strategien und Systeme zu entwickeln. Eine grundlegende Paradoxie besteht also darin, dass jede Ordnung Unordnung zulassen muss, um sich selbst zu behaupten. Umgangsprachlich würde man sagen, es ist ein Teufelskreis, in dem wir uns tagein tagaus bewegen. Man könnte auch von der Tragik des Sisyphos sprechen, der seine fruchtlose Arbeit immer wieder von neuem beginnen muss. So wie Sisyphos zu einem Sinnbild mühevoller, gleichförmiger Arbeit geworden ist, zu einem Inbegriff des Gefangenseins im Immergleichen, weist Joanna Schultes Inszenierung des häuslichen Ordnung-Haltens auf die traditionelle Versessenheit der Hausfrau/des Hausmannes hin: alles gehört an seinen Platz und es herrscht Sauberkeit und Ordnung – überall. Tag für Tag. In den modellhaften, provisorischen Zimmerwelten spielt sich ironisch überspitzt die alltägliche Tragik der ewigen Wiederholung und Zerstörung und damit der ausweglose Kampf gegen Schmutz und Unordnung ab. Und immer wieder dreht sich die Schallplatte. In ihrem Säulenspieluhrobjekt von 2009 beginnen sich beim Öffnen des Deckels die vergoldeten Miniaturputzobjekte zu drehen, ein Lied erklingt, Licht leuchtet. Es ist ein Gesamtkunstwerk für Auge und Ohr, ein sinnliches Ereignis. Und die Technik funktioniert perfekt. Funktionalität und Perfektion einerseits, andererseits ist diese sinnlose Tätigkeit der kleinen Putzobjekte zu beobachten: Sie kreisen und kreisen, halten sich selbst in Bewegung, so als befänden sie sich auf einer Flug- (oder Flucht)bahn ohne wirkliches Ziel. Sie kommen mir wie menschliche Stellvertreter vor, ganz so, wie dies Jean Baudrillard in seinem Buch „Das System der Dinge“ beschreibt: „Vor dem funktionellen Gegenstand erweist sich der Mensch als dysfunktionell, irrational und subjektiv, als eine leere Form und deshalb funktionellen Mythen und phantastischen Plänen zugänglich.“ (Baudrillard, S. 75) Wenn alles funktionell ist, gibt es keine Geheimnisse und kein Mysterium. Wenn alles organisiert und somit kontrolliert ist, ist folglich alles durchsichtig und ohne Überraschung. Harald Szeemann, bedeutendster Kunstkurator der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, sah deshalb „Unordnung als eine Quelle der Hoffnung“ an. In Joanna Schultes Bilder- und Klangkosmos wird die „Freiheit zur traumhaft-kreativen Kopfarbeit“, wie sie selbst sagt, eingesetzt, um im Rahmen multimedialer Rauminszenierungen dem Wunsch nach einer Welt Ausdruck zu geben, die Entropie zulässt, unalltäglich, geheimnisvoll und ständig überraschend ist, vielschichtig, wandlungsfähig und heiter, neue Blickwinkel eröffnend. Deshalb lässt sie die gewöhnlichen Dinge über sich hinauswachsen, lädt sie mit Magie auf und gibt ihnen Kultstatus. Trotz ihrer konkreten Gegenständlichkeit verkörpern die Dinge ein hohes Maß an Abstraktion und vermögen dadurch unsere Gedanken in Bewegung zu versetzen. Gegen Starres und Festgelegtes, Geregeltes und Geordnetes, Funktionalität und Perfektion wirken als Gegenmaßnahmen oder als Ergänzung: Destabilisierung des Gewohnten durch Maßstabwechsel mittels Miniaturisierung sowie Blickverschiebung durch Humor, Ironie, Spiel mit Faktizität und Fiktion, Staunen und Träumen. Mal anders denken und anders wahrnehmen, vielleicht ist dies der Weg zum Weiterschauen oder Weiterdenken, zum Beispiel über die Verführungsmacht der Bilder, über kreative Spielräume und Traumfabriken. „Ordnung zu Chaos bringen“ und „Chaos in die Ordnung bringen“, wie dies Adorno formuliert hat, sind nicht nur alltägliche sondern auch künstlerische Prozesse im Bestreben der Welt und des eigenen Lebens habhaft zu werden. In diesem Zusammenhang verstehen sich Joanna Schultes goldglänzende, alles miteinander vernetzende Inszenierungen als Versuchsanordnungen, unseren Vorstellungsbildern von Ordnung und Unordnung, Funktionalität und spielerischer Freiheit einen besonderen Auftritt und damit Aufmerksamkeit zu verschaffen – ironisch doppelbödig, verführerisch augenzwinkernd, menschlich gefühlvoll, wohlwissend um die Möglichkeit eines ungewissen Ausgangs. “
mehr lesenVon der Wiederkehr der Unordnung oder Repeat of Ordinary, Heiderose Langer, 2009